„Papa, wie wird man mutig?“

Mutig die Welt erkunden.

Puh. Da hatte sie mich. „Papa, wie wird man mutig?“ Ich war schweißgebadet, als mich diese Frage aus dem Land der Träume schlagartig in den Aufwachraum der Realität holte. Draußen schimmerte es leicht hell. Es war gerade so zu ahnen, dass wohl demnächst irgendwo die Sonne zu sehen sein würde. Das versprach einen schönen Frühlingstag. Noch kalt aber sonnig.

Also lag ich da, auf dem Rücken, und die Frage lies mich nicht los. „Wie wird man mutig?“ Ich war stolz auf unser Kind, so eine kluge Frage gestellt zu haben. Wenn es diesmal auch lediglich im Traum gewesen war. Ich hatte keine Antwort darauf. Fragen, auf die man keine Antwort hat, sind besonders gute Fragen, finde ich. Nebenbei bemerkt. Wie also wird man mutig?

Ein Essay über Führung, Veränderung, Zukunft und Unternehmertum. Unter anderem.

Mut ist, wenn man sich etwas traut

Mutige Menschen, sind für mich Menschen, die etwas wagen, die bereit sind, ein Risiko einzugehen und sich zutrauen, das Wagnis zu bestehen. Im Vergleich zum Übermut steckt für mich mehr das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle bringen zu können, im Wort “Mut“. Mutige handeln nicht unüberlegt, übermütige Personen schon.
Ich finde diese Unterscheidung wichtig, denn ich habe den Eindruck, dass Mutige die Welt verändern, während Übermütige eher Chaos stiften. Wenn ich an unsere Kinder denke, dann wünsche ich Ihnen, dass sie mutig zu Werke gehen. Übermütig dürfen sie in meiner Vorstellung gerne auch mal sein, solange das kein grundsätzlicher Wesenszug wird. Dann hätte ich Sorge um sie.

„Papa, und wie wird man jetzt mutig?“

Ja, ich will nicht zu sehr abschweifen. Aber da ich keine Antwort habe, muss ich mich der Antwort irgendwie nähern. Mich interessiert diese Antwort auch deshalb, weil in meiner beruflichen Welt, der Welt des Projekte-Machens, des Zukunft-Bauens, Mut ein wichtiger Faktor ist. Mutige Menschen sorgen dafür, dass Neues entsteht. Durch meinen Beruf habe ich die Gelegenheit, sehr viele mutige Menschen kennenzulernen. Was sorgt dafür, dass diese Menschen mutig sind?

Je mehr ich darüber nachdenke, verabschiede ich mich von meinem Vorurteil, dass Mut einzig und alleine eine Charaktereigenschaft ist, ein Persönlichkeitsmerkmal. Wenn ich die Liste der mutigen Menschen anschaue, mit denen ich zu tun hatte, dann war deren Mut oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

Ich erinnere mich an einen besondere Fall, ein Mann, um die 50 Jahre alt, stämmige Statur, Brille, Schwabe. Von außen betrachtet wirkte er wie die Personifizierung eines Erbenszählers, eines Kontrollfreaks. Manchmal wirkte er fast ängstlich, etwa wenn er nach vorne musste, um seinen Mitarbeitern etwas zu verkünden oder einfach nur die Weihnachtsfeier zu eröffnen. Und doch war er es, der mutig und beherzt Dinge ins Rollen brachte, um das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Er tat dies eben erst nach reiflicher Überlegung.

Mut ist, wenn man sich die Zuversicht verschafft

„Mutig zu sein, das kannst Du Dir erarbeiten!“ Das würde ich deshalb heute antworten, würde mein Kind mir die Frage wirklich stellen. Was ich damit meine?

Herr Müller, so will ich den Herrn von soeben nennen, hat sich mutig gemacht. Er war das, so zumindest mein Eindruck als Außenstehender, nicht auf die Art und Weise, die wir sofort mit der Aussage „Was ein mutiger Kerl!“ verbinden würden. Wer mit ihm spricht, wird dabei nicht spontan an einen Kinohelden denken.

Durch sein analytisches, systematisches Nachdenken hat er immer wieder die anstehenden Probleme in kleine Einzelteile zerlegt. Dadurch wurde für ihn aus einem viel zu riskanten Unterfangen eine Sammlung aus vielen kleinen und handhabbaren Risiken. Aus etwas scheinbar Unlösbarem wurden gangbare Schritte. Für ihn also keine große Sache mehr, für jemand Dritten unfassbar mutig. Etwa als er als einer der ersten in seiner Branche über digitale Geschäftsmodelle nachdachte und in die entsprechende Cloud-Infrastruktur investierte. Darin sah er die Zukunft.

„Wenn Du Dir ein Bild davon machst, wie die Zukunft aussehen soll, und Dir dann überlegst, was da auf Dich zukommt, und das in viele kleine, machbare Schritte zerlegst, dann wird das loslegen viel einfacher!“ So würde ich meine Antwort fortsetzen. „Dann wirst Du Dinge anpacken, die sich andere nicht trauen. Die werden Dich dann als mutig ansehen. Für Dich fühlt es sich vielleicht gar nicht so mutig an.“


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Dieses Muster meine ich bei vielen der mutigen Menschen zu erkennen, die mir bisher begegnet sind. Sie denken sich die Sache zurecht und beginnen mit einem ersten Schritt, den sie sich zutrauen, der ihnen machbar erscheint. Und oft denken sie auch über das Risiko nach, das damit verbunden ist. „Was ist das Schlimmste, was daraus folgen kann?“ Wenn der Schritt klein genug ist, dann sind die Risken auch klein. Auch das versetzt einen in die Lage, mutig zu handeln.

Das würde ich in meiner Antwort eben auch ergänzen: „Vielleicht kann man mutig gar nicht werden. Vielleicht kann man nur mutig handeln.“

Dann aber zucke ich zurück, weil Menschen doch eben ein unterschiedlich starkes Sicherheitsbedürfnis haben. Quasi eine andere Ausgangsvoraussetzung für Mut. Der eine wagt eine Sache schon, wo ein anderer lieber noch mal kleinere Schritte überlegt und im einzelnen vorsichtig einen Fuß nach den anderen setzt.

Zutrauen ist der wichtigste Partner von Mut

„Manchmal war mir so, als wärst Du der einzige gewesen, der an uns geglaubt hat! Dann habe ich mir gedacht, dass mir, dass uns das schon gelingen wird, wenn Du uns das zutraust. Obwohl ich selbst uns das gar nicht zugetraut habe.“ (Danke, Benni H. für diese Rückmeldung, die ich mir gerne gemerkt habe!)

Was mutige junge Menschen auf die Beine stellen können, obwohl sie selbst nicht dran glauben, können Sie heute in der Wikipedia nachlesen: Im Mai 2004 hatte ich laut „Ja!“ gesagt, als es darum ging einen Paten für 30 Jugendliche zu finden, die ein Festival auf die Beine stellen wollten. Was dann folgte, hatte viel mit Mut zu tun. Ich würde meinem Kind diese Geschichte unbedingt auch als Teil der Antwort auf die Frage liefern, wie man mutig wird.

In der Rückschau war das eine verrückte Sache, die Benni, der Zitatgeber, für sich entsprechend zusammengefasst hat. Die jungen Macher hatten es geschafft hier vor Ort in Horb am Neckar, einer kleinen Stadt mit rund 25.000 Einwohnern am Rande des Schwarzwalds, ein Musik-Festival mit mehreren tausend Besuchern ins Leben zu rufen. Sie hatten allen Mut zusammengenommen, hatten etwas auf die Beine gestellt, was keiner von ihnen zuvor jemals gemacht hatte. Wie war das gelungen?

Neben der Herr-Müller-Systematik des In-kleine-Bestandteile-Zerlegens kam hier noch ein zweiter Faktor hinzu. Das wurde mir aber erst im Nachgang bewusst. Ich nenne das „Externes Zutrauen.“ Da war jemand, eine Instanz, die den Machern die Sache zugetraut hatte. Ich war das in diesem Fall. Es hätte jedoch auch jeder andere sein können. Wichtig war, dass da überhaupt jemand war, der dieses „Externe Zutrauen“ verkörperte, nicht wer es war.

Scheinbar hatte ich die ganze Zeit ausgestrahlt, dass das schon zu schaffen war, wenn wir die Sache nur planvoll genug angehen würden. Und ich hatte vermutlich die notwendige Reputation. Immerhin war bekannt, dass ich im Rahmen verschiedener Projekte immer wieder auch große Veranstaltungen organisiert hatte. Dem ein oder anderen war auch zu Ohren gekommen, dass ich am „Start ins Wildall“ beteiligt gewesen sei, der Fusionsparty zum Start des Radiosenders SWR3. Damals waren allein am Festivalsamstag rund 120.000 Besucher gekommen.

Damit war ich in meiner Paten-Rolle eine Art Mut-Starthilfe, für das, was die folgenden Jahre noch kommen würde. „Wenn Holger meint, das klappt, dann wird er schon richtig liegen!“ , könnte man die Stimmung beschreiben.

Schon bei der zweiten Auflage war diese externe Zuversicht in Form meiner Person nicht mehr nötig. Die Truppe hatte gelernt, dass sie mehr bewältigen konnten, als ihnen bewusst war, und wie sie das angehen mussten. Sie waren mutiger geworden. Damit war aus dem externen Zutrauen Selbstvertrauen geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Das Mini-Rock-Festival-Team vertraute sich selbst, Lösungen für die auftretenden Probleme zu finden. Warum auch nicht? Hatte schließlich schon einmal geklappt. Das ist Selbstvertrauen oder eben Mut.

„Wenn Du mutig werden willst, dann hol Dir jemand, der Dir was zutraut, der Dich ‚ermutigt‘, im ureigenen Wortsinne!“ Das sollte jemand sein, dem man vertraut und bei dem man sich darauf verlassen kann, dass er bei Übermut auch warnen würde.

In jungen Jahren sind das hoffentlich die Eltern, die diese Rolle einnehmen, im Verein gute Trainerinnen und Trainer. Später, im Beruf, gute Chefinnen und Chefs, wenn man Glück hat oder gezielt danach sucht. Vielleicht auch Mentorinnen und Mentoren. Womit wir mitten im Thema „Gute Führung“ landen.

Doch Mut ist bei den Mini-Rockern auch deshalb entstanden, weil sie die Probleme selbst gelöst hatten. Viele Außenstehende waren über Jahre der Meinung, ich wäre das gewesen. Weit gefehlt. Das hätte ich niemals leisten können. Die Mini-Rocker hatten alles selbst organisiert. Ich hatte im Wesentlichen nur geholfen, ein Bild zu entwickeln, wohin die Reise führen würde, das große Vorhaben in machbare Pakete zu strukturieren und Konflikte zu klären. Und das wissen, wie das gelingt, weiterzugeben.

„Wenn Du genug Zutrauen spürst, dann leg los, nimm das Heft des Handelns in die Hand, pack selbst an!“ rate ich meinem Kind deshalb. Denn nur daraus kann die eigene Zuversicht wachsen, dass man schon Mittel und Wege finden wird, die Probleme aus dem Weg zu räumen. Mit dieser Zuversicht im Gepäck kann man mutig zu Werke gehen.

Mutig werden braucht Zeit

„Wenn Du mutiger werden willst, dann werde immer ein kleines bisschen mutiger!“ Das würde ich meinem Kind ebenfalls mit auf den Weg geben. Wer auf einen Schlag ganz mutig sein will, der landet in der Panik-Zone. Das würde das Gegenteil bewirken. So würde eher Angst entstehen. Deshalb sollte der nächste Schritt nicht zu groß, zu mutig sein.

Ja, um mutig zu werden, müssen wir unsere Komfortzone verlassen. Das ist unbestritten, denke ich. Wenn die Panikzone zwei Meter nach der Komfortzone startet, dann sollten wir mit das Mutig-Sein mal mit 1,50 Metern starten. Damit wir noch weit genug weg bleiben von Panik und trotzdem lernen. Damit dehnen wir unsere Komfortzone aus, können den nächsten Schritt mutiger ansetzen. Es ist ein Lernprozess, ein Entwicklungsprozess.

Wenn ich mir anschaue, welche Aufgaben auf uns zukommen – in Unternehmen, in der Gesellschaft – dann brauchen wir mutige Menschen. Menschen, die sich an das Neue heranwagen und die bereit sind, die Risiken des Scheiterns auf sich zu nehmen. Meinen Sie nicht auch? Deshalb sollten wir uns heute, jetzt gleich, aufmachen und mithelfen, dass viele Menschen mutig werden. Mindestens die „Externe Zuversicht“ können wir sein und so dafür sorgen, dass sich andere ihren Mut erschließen.

Was auch immer Sie mit diesen Gedanken noch machen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwann treffen und uns freuen, wie mutig wir – und die Menschen um uns herum – doch geworden sind. Und wie beherzt wir doch zu Werke gegangen sind, um unser aller Zukunft zu gestalten.

Ihr
Holger Zimmermann
Inhaber & Geschäftsführer Projektmensch

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